Nachhaltiger verpacken? Längst möglich!

Verpackung schützt Ware, hält sie sauber und frisch, macht sie stapelbar und attraktiv. Und die Verpackungsindustrie schafft Arbeitsplätze, ziemlich viele sogar. Alles gute Nachrichten.

Zur Wahrheit gehört es aber leider auch, dass Verpackung zu den besonders kurzlebigen Produkten zählt. Tüten, Folien und Kartons werden nach kurzer Zeit in Lagern und auf Reisen und von privaten oder geschäftlichen Endverbrauchern ausgepackt – und dann weggeworfen. Der Mensch interessiert sich eben nur für für den inneren Wert.

Kein weiter so

Seit mindestens 50 Jahren wird über wachsende Müllberge diskutiert. Die moderne Entsorgungsindustrie lässt zwar so manches Material aus unserer Wahrnehmung verschwinden, ist aber in Sachen Nachhaltigkeit nicht gerade vorbildlich aufgestellt. Nur sehr langsam nehmen wir Verbraucher die Zahl der Plastikberge wahr, die in ärmere Länder verschifft und nach geringen Standards verarbeitet oder deponiert werden. Und noch immer bilden wir uns ein, dass unsere Müllverbrennungsanlagen eine saubere Lösung seien. Zwei Aspekte stimmen nachdenklich: Es landen viel zu viele Dinge im Feuer, die noch eine weitere Verwendung finden könnten. Es gibt umweltfreundlichere und effizientere Wege der Energieerzeugung als ausgerechnet das Verheizen von Müll.

Die Alternative heißt Kreislaufwirtschaft! Wir alle müssen uns mehr Gedanken über werkstoffliche Verwertung und Recyclingprozesse machen. Über das Vermeiden von Schadstoffen. Und über alternative Materialien.

Die Verpackungsindustrie erneuert sich

Mit einem Inlandsumsatz von 18,2 Mrd. Euro 2019 und großer Nachfrage dank des stetig wachsenden Online-Versands ist die Verpackungsbranche wirtschaftlich recht stabil aufgestellt. Gute Voraussetzungen also, um nachhaltig(er)e Lösungen zu erproben und dauerhaft einzuführen. Erfreulicherweise tut sich gerade einiges.

In München haben zwei engagierte Unternehmer in diesem Jahr den auf nachhaltige Lebensmittelverpackungen spezialisierten One-Stop-Shop pack-it-eco gegründet. Ich habe die Co-Gründerin Nathalie Fickentscher vor einigen Tagen in einem Webinar des Umweltcluster Bayern kennengelernt. Ihr Ansatz basiert auf der detaillierten Betrachtung der Ressourcen-Effizienz in der gesamten Lieferkette – vom Rohstoffabbau über Herstellung, Transport, Verteilung bis zur Entsorgung. Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft steht pack-it-eco für ein Verpackungsdesign ohne Abfall und Schadstoffe, dafür mit Produkten, die so lang wie möglich recycelt werden – und natürliche Systeme wiederherstellen.

Es gibt sie also wirklich, entschlossene Verpackungsunternehmer, die enkeltauglich handeln und sich – wie Produktdesigner – zunehmend mehr mit der Nachhaltigkeit von Materialien beschäftigen. Im erwähnten Webinar habe ich von Dr. Mateusz Wielopolski – Nachhaltigkeitsberater mit einem Schwerpunkt auf Materialien, Produktentwicklung und Circular Economy – wissen wollen, wie viel stoffliche Innovation wir in den kommenden Jahren erwarten dürfen: „Entdecken Sie eigentlich immer noch neue Materialien?“ Seine Antwort gefiel mir gut: „Ja, vor allem bei den Composites (Verbundstoffen) gibt es viele Forschungsbereiche, die sich mit der Herstellung und Kombination gänzlich neuer Stoffe beschäftigen, wie zum Beispiel Plastik aus Orangenschalen oder 3D-druckbares Glas“.

Herrlich, ich freue mich auf Röcke aus Ananas, Schuhe aus Zuckerrohr und Jacken aus Kaffeesatz! Denn es stimmt, was Michael Braungart und William McDonough in „Cradle to Cradle“ sagen: „Wir haben allein das, was die Natur uns gibt.“

Lust auf mehr?

Es gibt tatsächlich rund um das Verpackungsthema derzeit viel Experimentierfreude und überraschende Ansätze. Dass Carlsberg jetzt Bierflaschen aus Papier erforscht, ist vielleicht nicht das ganz große Ding. Aber die Maßnahme soll immerhin den positiven Effekt haben, die beim Transport entstehenden CO2-Emissionen zu senken.

Wird Papier damit eine eine Alternative zum Glas? So wie zu manchen Plastikprodukten? Eher nicht in großem Stil. Papier stammt fast immer vom Holz. Da die Wälder weltweit unter Druck stehen, muss auch mit dieser Ressource sorgsam umgegangen werden. Dazu gehört es, das FSC-Siegel nüchtern und kritisch zu sehen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Papier-Alternativen, seien diese aus Gras, aus Bambus-, Hanf- oder Kakaopflanzen. Deren Fasern haben oft die Funktion, den Holzanteil zu senken. Eine prima Idee. Ganz und gar baumfrei ist übrigens Calima: ein Papier, das, da es das Abfallprodukt Bagasse – und damit reine Frischfaser – verarbeitet, sogar lebensmitteltauglich ist.

Kunststoff-Füllprodukte sind ebenfalls längst durch nachhaltigere Alternativen ersetzbar: Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen. Das 2018 vom Rat für Formgebung und German Brand Institute als „Sustainable Brand of the Year“ prämiertes Unternehmen ist die in Nordrhein-Westfalen ansässige Biobiene. Es stellt unter anderem Füllmaterial aus Pflanzenstärke auf Basis von Weizen und Mais als umweltfreundliche Alternative zu erdölbasierten Styropor-Chips her. Das Unternehmen teilt stolz mit: „Die Kompostierbarkeit der Chips ist nach EN 13432 geprüft. Sie bedeutet eine leichte Entsorgung des Verpackungsmaterials über den Kompost oder Biomüll ohne komplizierte Mülltrennung. Das gewährleistet den Weg des Naturproduktes Verpackungschips zurück in die Natur – cradle to cradle!“

Bio-Pioniere loten die Grenzen aus

Wenn bestimmte Materialeigenschaften herkömmlicher Verpackung nachgebildet werden sollen, kommen häufig auch Mischprodukte zum Einsatz. Der Naturkost-Anbieter Rapunzel hat im Oktober 2020 seine Verpackungsstrategie für Müslis vorgestellt. Im Magazin „natur.post“ erfahren die Leser: „Die neue Folie ist etwas dünner als bisher, dadurch kann bereits Material eingespart werden. Und die neue Folie besteht zu 65 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Basis dafür ist Zuckerrohr. Der restliche Anteil besteht aus den herkömmlichen Kunststoffen PET und PE. Auf diese Kunststoffe kann noch nicht gänzlich verzichtet werden. Sie bilden zum Beispiel eine zuverlässige Barriere gegen Feuchtigkeit, Gerüche und auch gegen omnipräsente Umweltschadstoffe und sind daher wichtig für den Produktschutz. Auch eine ausreichende Stabilität der Verpackung und die Versiegelung, also das Verschweißen der Packungen, ist mit Bio-Folien noch nicht sicher gewährleistet. (…) Dieses Mischmaterial kann recycelt werden.“

Die komplexe Diskussion der Verpackungsoptionen des umtriebigen Unternehmens wurde nachvollziehbar und transparent für die Öffentlichkeit aufbereitet. Eine konstruktive Anregung für alle, die sich nicht mit schnellen und plakativen Lösungen zufrieden geben.

Jeder trägt Verantwortung

Auch die Politik hat inzwischen gehandelt: Seit Januar 2019 gilt das neue Verpackungsgesetz. Unternehmen sollen die von ihnen in den Umlauf gebrachten Verpackungen stärker an ökologischen Aspekten ausrichten. Mögen die Recycling-Quoten dadurch steigen, mögen die Verbraucher gute Absichten und gangbare Wege erkennen!

Beim Blick in die Mülltonnen unseres Zehn-Parteien-Hauses stelle ich leider noch immer fest, dass die politische Erwartungshaltung und das reale Handeln des Einzelnen derzeit recht weit auseinanderklaffen. Da wird konsumiert und weggeworfen, als sei dies das normalste auf der Welt. Styropor landet auch schon einmal im Papiercontainer, konventionelle Plastiktüten schauen aus dem Biomüll heraus und im Restmüll verkanten sich soeben entsorgte Haushaltgeräte.

Wenn wir Verbraucher es nicht annehmen, umzudenken, nutzen die besten Gesetze und Innovationen kaum.

Auch Verzicht ist eine Option

Weniger Verpackung bedeutet weniger Müll – und mehr Nachhaltigkeit: Einfach mit dem Korb auf den Markt gehen und das Obst und Gemüse unverpackt hineinlegen, das funktioniert. Für Produkte wie Wurst und Fisch packt man ein spülbares und gut verschließbares Gefäß ein und reicht es beim Einkauf über den Tresen. Der Händler freut sich übrigens darüber, Verpackungskosten einzusparen – und schafft es zuweilen sogar elegant, seine Kunden bei der Reduzierung von Verpackung mitzunehmen:

Das Stuttgarter (Online-)Warenhaus Breuninger lobte jüngst einen Kunden mit diesen Worten : „Vielen Dank, dass Sie mit Ihrer Wahl für die Green Option unseren Ansatz für mehr Nachhaltigkeit unterstützen. Bei diesem Paket verzichten wir in größtmöglichem Maße auf Verpackungsmaterialien wie Seidenpapier und Luftpolsterfolie. Außerdem besteht die Kartonage zur Hälfte aus recyceltem Papier und wird nach Möglichkeit mehrmals auf den Weg geschickt.“ Da eine Retour nicht nötig war, oblag es dem Kunden selbst, dem Karton ein zweites Leben zu spendieren. Noch weiß ich nicht, wie er sich entschieden hat.

Mehr Wertschätzung für nachhaltig(er)e Verpackungen bitte!

Bio-Plastik stammt nicht vom fossilen Brennstoff Erdöl, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen. Klingt gut, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wie so oft beim Thema Nachhaltigkeit, lohnt es sich natürlich, ganz genau hinzuschauen. Ist Bio-Plastik okay und ein echtes Zukunftsprodukt? Oder eine Zwischenlösung? Gibt es überhaupt das eine, alle überzeugende Bio-Plastik? Und warum eigentlich lehnen Entsorgungsfirmen wie die Abfallwirtschaft München kompostierbares Bio-Plastik im Bio-Mülleimer ab?

Wohin denn dann mit kompostierbaren Plastikbeuteln?

Als kompostierbar darf Bio-Plastik bezeichnet werden, wenn es sich nach 12 Wochen zumindest zu 90 Prozent auflösen kann. In München nimmt man sich aber nicht die Zeit, auf das Verrotten von kompostierbarem Bio-Plastik zu warten. Der Weg vom Bio-Mülleimer über den Komposthaufen hin zum nächsten Leben als Blumenerde muss schnell genommen werden. Kompostierbare Plastikbeutel in der braunen Tonne sind explizit unerwünscht – seit Oktober 2020 wird der Bio-Müll sogar von „Qualitätskontrolleuren“ überwacht. Deren Botschaft an die mülltrennende Bevölkerung: Alles, was nur wie Plastik aussieht, ist im Bio-Mülleimer verboten. Das heißt: Ein Unterschied zwischen Erdöl-Plastik und Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen wird nicht mehr gemacht.

Jetzt denkt sich der ökologisch sensible Mensch „okay, wenn meine zu langsam verrottende Bio-Plastikverpackung in dieser Tonne nicht erwünscht ist, bringe ich sie eben in den Plastikcontainer“. Das aber ist genauso falsch. Sofern sich nämlich – als Alternative zum Export in andere Länder – ein lokales Unternehmen der lobenswerten Aufgabe annimmt, herkömmliche Plastikabfälle in Rezyklat zu verwandeln, muss es zur Kenntnis nehmen, dass die Qualität des Granulats durch den rasch fortschreitenden Verrottungsprozess von Bio-Plastik beeinträchtigt wird. Mit anderen Worten: In diesem Fall zersetzt sich Bio-Plastik nicht zu langsam, sondern zu schnell. „Sowieso ein falscher Ansatz“, denkt sich die kluge Ökologin dann. „Der biologische Kreislauf muss doch vom technischen Kreislauf getrennt sein. Hat denn noch nie jemand etwas von Cradle-2-Cradle gehört?“

Verbraucher werden im Stich gelassen

Wie nun lassen sich nachhaltig(er)e Verpackungen generell entsorgen? Bei Papiertüten und weiteren Produkten aus wiederverwendbaren Pflanzenfasern wie Zuckerrohr ist die Antwort schnell gefunden: ab zum Recycling in den Papiercontainer. Bei Mischprodukten mit Bio-Plastikanteilen wird es komplizierter – lernwillige Endverbraucher müssen wohl beim Herstellern selbst nachfragen, das Thema wird öffentlich so gut wie gar nicht kommuniziert. Für kompostierbares Bio-Plastik schließlich müsste der verantwortungsvolle Verbraucher, sofern er in München lebt, einen privaten Komposthaufen anlegen, um einen biologische Abbauprozess zuzulassen.

Engagement von Unternehmen verpufft

Verpackung ist ein Thema, das immer mehr Aufmerksamkeit erfährt. Zahlreiche Unternehmen zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie die Verpackung ihrer Produkte nachhaltiger gestalten können. Sie geben viel Geld dafür aus. Sie verändern ihre Prozesse, weil es außer um Nachhaltigkeit immer auch um Frische und Haltbarkeit und Ästhetik geht. Und was ist der Lohn dafür? Verbraucher, die missgelaunt zurückbleiben – und die ökologische Verpackung über den Restmüll in die Müllverbrennung geben.

Darüber müssen wir reden.
So jedenfalls sollte es nicht weitergehen …

PS: Dieser Beitrag ist nicht als Werbung für Bio-Plastik zu verstehen. Es gilt auch bei diesem Material von Fall zu Fall zu fragen, ob, und wenn ja, welche Chemikalien zugesetzt wurden, wie viel Energie für die Herstellung verbraucht wurde, ob wertvolle Anbauflächen nicht eher für Nahrungsmittel verwendet werden sollten, …

PPS: In meinem nächsten Blog-Artikel werde ich einige Unternehmen vorstellen, die Neuerungen bei ihrer Produktverpackung eingeführt haben.