Wie Babyprodukte uns spiegeln

Jüngst hatte ich Zeit, die Welt mit staunenden Augen zu betrachten, ganz so, als wäre ich selbst noch ein entdeckendes, lernendes Kind. Ich bummelte, um eine Wartezeit zu überbrücken, durch einen Drogeriemarkt und blieb dann, genau passend, an einem von mehreren Regalen für Kleinkindprodukte hängen. Sogleich stellte ich mir vor, eine junge Mutter zu sein, die nichts anderes will, als das Beste fürs Kind (woraufhin meine inneren Alarmglocken diesbezüglich gleich lauter als üblich klingelten, was ich dann aber erfolgreich zu ignorieren schaffte).

Als erstes entdeckte ich „LILLIDOO – WHAT BABIES REALLY CRY FOR – FEUCHTTÜCHER MIT 99 % WASSER“. „Wie geil ist das denn“, dachte ich mir, „so rein wie ein Bergsee, und nur ein Prozent Substanz.“ Gleich daneben die „sensitiven“ Produkte „BABY SHAMPOO“ und „GUTE NACHT BAD“. In diesem Fall war es die Beschriftung, die auf besondere Sparsamkeit des Herstellers verwies, da man einfach auf Bindestriche verzichtet hatte. Ob 100 % Buchstabenfülle wohl die kognitiven Fähigkeiten eines Kleinkinds besser aktivieren würden?

Von sensitiv zu intensiv: „CREMEBAD MIT OLIVENBLATTEXTRAKT“ und gleich daneben „magischer Wirbel-Waschschaum – duftet nach Himbeeren“. Die „SOS Creme“, die „Bäuchlein-Salbe“, ein Gel als Zahnungshilfe und Tinti in den Varianten: „Blubber Rakete“, „Zauber Bad“, „Bade Spinner“. Besonders faszinierend fand ich die feuchten „WASCHLAPPEN“ ganz ohne Alkohol. Die meisten Exemplare dieser Kategorie, die ich bislang persönlich erlebt habe, waren eher mit Alkohol unterwegs. Aber das ist ein anderes und ziemlich weites Feld.

Dann eine zauberhafte Überraschung: „LITTLE green KIDS“ zum Haare waschen. Das muss für nachhaltig eingestellte Elternteile gedacht sein, die das Ego ihrer kleinen Töchter und Söhne gern frühzeitig pampern lassen und sich auch selbst mit einiger Wertschätzung gesegnet fühlen, weil für ihresgleichen eine eigene Produktwelt bereitgestellt wurde. 25 Prozent in den Wahlprognosen, das passt.

Ob eines Tages Frauke Petry LITTLE blue KIDS für ihr sechstes, vielleicht auch siebtes und achtes Kind wird kaufen können? Es bleibt interessant. Ich werde ab jetzt häufiger in modernen Konsumtempeln bummeln gehen und mir die Welt hinter dem Marketing genauer anschauen.

Wie ist diese Empfehlung von regenwald.org mit der großen Vielfalt an Baby-Pflegemitteln individuell in Einklang zu bringen? Indem wir vor dem Konsumieren nachdenken, was wichtig ist: Man nehme Wasser – und einen echten Waschlappen. Lässt sich beides meistens auch unterwegs ganz gut regeln.

Brauchen Unternehmer tatsächlich immer mehr und immer genauer für neue Zielgruppen maßgeschneiderte Produkte, um Erfolg im Wettbewerb sicherzustellen? Oder sind die Grenzen des Wachstums nicht schon längst überschritten?

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