Jetzt die Kommunikation über Nachhaltigkeit vom Kopf auf die Füße stellen!

Für Sie, die Leserinnen oder Leser dieses Blogs, ist Nachhaltigkeit wahrscheinlich schon ein klar umrissenes Programm. Vielleicht haben Sie beruflich mit dem Thema zu tun. Oder Sie studieren eine Fachrichtung, die Wege des Umbaus unseres Wirtschaftens Richtung Nachhaltigkeit erforscht. Damit gehören Sie zu den bestens informierten Insidern dieser Szene. Man könnte auch sagen: zur Avantgarde.

Aber Hand aufs Herz: Haben Sie selbst schon genaue Ideen davon, wie Ihr nachhaltiges Leben morgen und übermorgen ganz konkret aussehen kann und soll? Was treibt Sie an? Worauf freuen Sie sich? Sind es stark begrünte Städte, aus denen ein Großteil der Autos verbannt werden kann? Oder für Feinschmecker: Haben Sie Appetit auf frittierte Insekten? Würden Sie gern als einer von 20.000 Menschen in einem Wiener Hochhaus aus Holz leben und arbeiten wollen, etwa um den persönlichen Flächenverbrauch klein zu halten? Oder einfach mal einen Anzug / ein Kostüm aus Ananasfasern tragen? Gar nicht so einfach, sich künftige Veränderungen mit allen Sinnen auszumalen!

Die Bevölkerung ernst- und mitnehmen 

Was für Sie schon schwierig zu beantworten sein mag, ist für die meisten Mitbürger kaum vorstellbar. Wer sich nicht intensiv mit Nachhaltigkeit beschäftigt, kann sich gar kein Bild davon machen, welche Veränderungen bereits in Planung sind oder sogar schon realisiert wurden. Sie wissen nicht, dass es Nachhaltigkeitsmanager gibt, dass Unternehmen verstärkt über Kreislaufwirtschaft nachdenken, dass Hersteller von Kosmetik und Reinigungsmitteln ihre Rezepturen überarbeiten, dass quer über alle Branchen hinweg verstärkt nach nachwachsenden oder recycelten Materialien gesucht wird. Entsprechend ist Nachhaltigkeit für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung (noch) ein kalter, abstrakter Begriff, mit dem sich weder Farben noch Formen noch Gefühle verbinden. 

Selbst wenn uns aus den prallen Regalen des Einzelhandels „nachhaltig“ wie ein Zauberwort zugerufen wird, überträgt sich weder Inspiration noch Zukunftslust. Das ist so, weil die Botschaft „Kauf mich, dann tust du Gutes für dich und deine Freunde“ die gesellschaftliche und politische Dimension von Nachhaltigkeit ausblendet, selbst dann, wenn die neuen Produkte gut durchdacht und zukunftsweisend sind. Die Kunden werden nicht als denkende und am Weltgeschehen beteiligte Gemeinwesen in einen notwendigen Veränderungsprozess einbezogen, sondern auf dem kurzen Weg über ihr Ego effizient genutzt. Das hat keine Würde und reißt auch niemanden mit.

Die mögliche Rückfrage, ob denn nicht jede Marketingabteilung frei in der Entscheidung sei, ihre Produktwerbung B2C – etwa über Verpackung – als Kaufappell zu gestalten, muss ich selbstverständlich bejahen. Noch ein weiteres Zugeständnis: Wenn dies über eher kindliche Zugehörigkeitsbotschaften oder über „Wir sind alle voll cool“-Instagram-Posts funktioniert, dann ist das ein ökonomisch starkes Argument. Aber: Unternehmen, die aus Überzeugung nachhaltig handeln, werden über kurzfristige Absatzerfolge hinausdenken wollen. Sie wissen, dass sie ein Rädchen im großen, verzahnten Veränderungsprozess sind und bestimmen ihr Handeln im Kontext übergeordneter Entwicklungen. Ihr Anliegen ist es, Menschen mitzunehmen und gemeinsam nachhaltige Erfolge zu erzielen. 

… und die Politik agiert im Schneckentempo

Die Institutionen ihrerseits kommen bei aller gebotenen Dringlichkeit eher langsam voran. Bereits 1987 wurde in einem Report der Brundtland-Kommission, einem Gremium für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen, der bekannte internationale Meilenstein gesetzt: „Humanity has the ability to make development sustainable – to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Die Unterschriften kamen zusammen. Aber was folgte dann? Erst 2016 wurden die Sustainable Development Goals, kurz SDGs genannt, verabschiedet, womit man der Praxis schon etwas näher kam. 2017 dann hat die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie präzisiert, wie sie diese SDGs in Deutschland bis 2030 zu erreichen gedenkt – und 63 weitere Ziele ergänzt. Wiederum ist es Spezialisten vorbehalten, sich damit zu beschäftigen. Die Bevölkerung wird kaum angesprochen. Vieles läuft hinter den Kulissen. 

Werden wir selbst konkret!

Um wirksame Veränderungen jetzt zügig in Gang und voran zu bringen, braucht es eine Aufbruchstimmung, die vom menschlichen Bedürfnis nach intakter Natur, Gemeinschaft und Gerechtigkeit getragen ist. Ziele und Wege müssen verständlich – und vom Herzen aus nachvollziehbar sein. Frei von Moral, frei von Schuldzuweisungen. Offen für Komplexität und Widersprüchliches. Gern auch mit Zuversicht und Schwung. Eine gemeinsame Idee. Pläne, denen man vertrauen mag. So viele Konzepte liegen bereits auf dem Tisch! Tragen wir sie aus den akademischen Stuben heraus, zeigen wir Zusammenhänge auf, beleuchten wir Hintergründe mit verständlichen Worten! 

Die wenigsten Menschen sind motiviert, Berge zu besteigen, deren Gipfel aufgrund dichten Nebels unsichtbar sind – und zu denen noch nicht einmal ein Trampelpfad führt. Was ihnen das Leben leichter machen könnte, wäre eine Landkarte, die ein Gesamtbild der Region zeichnet und Detailinformationen über Steilhänge und Ebenen gibt. Der eine oder die andere fasste sich dann ein Herz – anstatt auf halber Höhe umzukehren.

Keine Angst vor Rückfragen!

Die Kommunikation eines jeden nachhaltigen Angebots steht vor der Aufgabe, die gesamte Gesellschaft ins Blickfeld zu nehmen, ihr Orientierungshilfen und auch die Gelegenheit zur Identifikation zu bieten – und zwar anschaulich und nachvollziehbar, auf fachliche Detailfragen ebenso eingehend wie auf die großen, auch internationalen Zusammenhänge. 

Es mag anstrengend sein, sich dabei mit Einwänden von Zweiflern und Zauderern auseinanderzusetzen. Mit Menschen also, die darauf hinweisen, dass die Batterien von E-Autos wertvolle Rohstoffe verbrauchen oder dass Windparks auf See für die Tierwelt unter Wasser Lärmstress bedeuten. Aber sachliche Herausforderungen verschwinden nun einmal nicht, wenn man sie ignoriert. 

Freuen wir uns doch über all diejenigen, die Finger in offene Wunden legen! Nur so können gute Angebote besser werden! Mit Ungeduld oder intellektueller Distanz kämen wir zwar ungestörter zum Ziel. Überzeugend und nachhaltig wäre das aber keinesfalls. 

Die Währung der Nachhaltigkeit ist Glaubwürdigkeit. Ich würde gern die Bodenständigkeit dazugeben. 

PS: Das Startfoto zu diesem Beitrag zeigt eine Fischtreppe. Man baut sie, um den Tieren trotz menschlicher Eingriffe in den Flusslauf ihren Weg nach oben zu ermöglichen. Ein anschauliches, nachfühlbares und zeitloses Bild für SDG 15: Landökosysteme schützen.

Nachhaltiger verpacken? Längst möglich!

Verpackung schützt Ware, hält sie sauber und frisch, macht sie stapelbar und attraktiv. Und die Verpackungsindustrie schafft Arbeitsplätze, ziemlich viele sogar. Alles gute Nachrichten.

Zur Wahrheit gehört es aber leider auch, dass Verpackung zu den besonders kurzlebigen Produkten zählt. Tüten, Folien und Kartons werden nach kurzer Zeit in Lagern und auf Reisen und von privaten oder geschäftlichen Endverbrauchern ausgepackt – und dann weggeworfen. Der Mensch interessiert sich eben nur für für den inneren Wert.

Kein weiter so

Seit mindestens 50 Jahren wird über wachsende Müllberge diskutiert. Die moderne Entsorgungsindustrie lässt zwar so manches Material aus unserer Wahrnehmung verschwinden, ist aber in Sachen Nachhaltigkeit nicht gerade vorbildlich aufgestellt. Nur sehr langsam nehmen wir Verbraucher die Zahl der Plastikberge wahr, die in ärmere Länder verschifft und nach geringen Standards verarbeitet oder deponiert werden. Und noch immer bilden wir uns ein, dass unsere Müllverbrennungsanlagen eine saubere Lösung seien. Zwei Aspekte stimmen nachdenklich: Es landen viel zu viele Dinge im Feuer, die noch eine weitere Verwendung finden könnten. Es gibt umweltfreundlichere und effizientere Wege der Energieerzeugung als ausgerechnet das Verheizen von Müll.

Die Alternative heißt Kreislaufwirtschaft! Wir alle müssen uns mehr Gedanken über werkstoffliche Verwertung und Recyclingprozesse machen. Über das Vermeiden von Schadstoffen. Und über alternative Materialien.

Die Verpackungsindustrie erneuert sich

Mit einem Inlandsumsatz von 18,2 Mrd. Euro 2019 und großer Nachfrage dank des stetig wachsenden Online-Versands ist die Verpackungsbranche wirtschaftlich recht stabil aufgestellt. Gute Voraussetzungen also, um nachhaltig(er)e Lösungen zu erproben und dauerhaft einzuführen. Erfreulicherweise tut sich gerade einiges.

In München haben zwei engagierte Unternehmer in diesem Jahr den auf nachhaltige Lebensmittelverpackungen spezialisierten One-Stop-Shop pack-it-eco gegründet. Ich habe die Co-Gründerin Nathalie Fickentscher vor einigen Tagen in einem Webinar des Umweltcluster Bayern kennengelernt. Ihr Ansatz basiert auf der detaillierten Betrachtung der Ressourcen-Effizienz in der gesamten Lieferkette – vom Rohstoffabbau über Herstellung, Transport, Verteilung bis zur Entsorgung. Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft steht pack-it-eco für ein Verpackungsdesign ohne Abfall und Schadstoffe, dafür mit Produkten, die so lang wie möglich recycelt werden – und natürliche Systeme wiederherstellen.

Es gibt sie also wirklich, entschlossene Verpackungsunternehmer, die enkeltauglich handeln und sich – wie Produktdesigner – zunehmend mehr mit der Nachhaltigkeit von Materialien beschäftigen. Im erwähnten Webinar habe ich von Dr. Mateusz Wielopolski – Nachhaltigkeitsberater mit einem Schwerpunkt auf Materialien, Produktentwicklung und Circular Economy – wissen wollen, wie viel stoffliche Innovation wir in den kommenden Jahren erwarten dürfen: „Entdecken Sie eigentlich immer noch neue Materialien?“ Seine Antwort gefiel mir gut: „Ja, vor allem bei den Composites (Verbundstoffen) gibt es viele Forschungsbereiche, die sich mit der Herstellung und Kombination gänzlich neuer Stoffe beschäftigen, wie zum Beispiel Plastik aus Orangenschalen oder 3D-druckbares Glas“.

Herrlich, ich freue mich auf Röcke aus Ananas, Schuhe aus Zuckerrohr und Jacken aus Kaffeesatz! Denn es stimmt, was Michael Braungart und William McDonough in „Cradle to Cradle“ sagen: „Wir haben allein das, was die Natur uns gibt.“

Lust auf mehr?

Es gibt tatsächlich rund um das Verpackungsthema derzeit viel Experimentierfreude und überraschende Ansätze. Dass Carlsberg jetzt Bierflaschen aus Papier erforscht, ist vielleicht nicht das ganz große Ding. Aber die Maßnahme soll immerhin den positiven Effekt haben, die beim Transport entstehenden CO2-Emissionen zu senken.

Wird Papier damit eine eine Alternative zum Glas? So wie zu manchen Plastikprodukten? Eher nicht in großem Stil. Papier stammt fast immer vom Holz. Da die Wälder weltweit unter Druck stehen, muss auch mit dieser Ressource sorgsam umgegangen werden. Dazu gehört es, das FSC-Siegel nüchtern und kritisch zu sehen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Papier-Alternativen, seien diese aus Gras, aus Bambus-, Hanf- oder Kakaopflanzen. Deren Fasern haben oft die Funktion, den Holzanteil zu senken. Eine prima Idee. Ganz und gar baumfrei ist übrigens Calima: ein Papier, das, da es das Abfallprodukt Bagasse – und damit reine Frischfaser – verarbeitet, sogar lebensmitteltauglich ist.

Kunststoff-Füllprodukte sind ebenfalls längst durch nachhaltigere Alternativen ersetzbar: Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen. Das 2018 vom Rat für Formgebung und German Brand Institute als „Sustainable Brand of the Year“ prämiertes Unternehmen ist die in Nordrhein-Westfalen ansässige Biobiene. Es stellt unter anderem Füllmaterial aus Pflanzenstärke auf Basis von Weizen und Mais als umweltfreundliche Alternative zu erdölbasierten Styropor-Chips her. Das Unternehmen teilt stolz mit: „Die Kompostierbarkeit der Chips ist nach EN 13432 geprüft. Sie bedeutet eine leichte Entsorgung des Verpackungsmaterials über den Kompost oder Biomüll ohne komplizierte Mülltrennung. Das gewährleistet den Weg des Naturproduktes Verpackungschips zurück in die Natur – cradle to cradle!“

Bio-Pioniere loten die Grenzen aus

Wenn bestimmte Materialeigenschaften herkömmlicher Verpackung nachgebildet werden sollen, kommen häufig auch Mischprodukte zum Einsatz. Der Naturkost-Anbieter Rapunzel hat im Oktober 2020 seine Verpackungsstrategie für Müslis vorgestellt. Im Magazin „natur.post“ erfahren die Leser: „Die neue Folie ist etwas dünner als bisher, dadurch kann bereits Material eingespart werden. Und die neue Folie besteht zu 65 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Basis dafür ist Zuckerrohr. Der restliche Anteil besteht aus den herkömmlichen Kunststoffen PET und PE. Auf diese Kunststoffe kann noch nicht gänzlich verzichtet werden. Sie bilden zum Beispiel eine zuverlässige Barriere gegen Feuchtigkeit, Gerüche und auch gegen omnipräsente Umweltschadstoffe und sind daher wichtig für den Produktschutz. Auch eine ausreichende Stabilität der Verpackung und die Versiegelung, also das Verschweißen der Packungen, ist mit Bio-Folien noch nicht sicher gewährleistet. (…) Dieses Mischmaterial kann recycelt werden.“

Die komplexe Diskussion der Verpackungsoptionen des umtriebigen Unternehmens wurde nachvollziehbar und transparent für die Öffentlichkeit aufbereitet. Eine konstruktive Anregung für alle, die sich nicht mit schnellen und plakativen Lösungen zufrieden geben.

Jeder trägt Verantwortung

Auch die Politik hat inzwischen gehandelt: Seit Januar 2019 gilt das neue Verpackungsgesetz. Unternehmen sollen die von ihnen in den Umlauf gebrachten Verpackungen stärker an ökologischen Aspekten ausrichten. Mögen die Recycling-Quoten dadurch steigen, mögen die Verbraucher gute Absichten und gangbare Wege erkennen!

Beim Blick in die Mülltonnen unseres Zehn-Parteien-Hauses stelle ich leider noch immer fest, dass die politische Erwartungshaltung und das reale Handeln des Einzelnen derzeit recht weit auseinanderklaffen. Da wird konsumiert und weggeworfen, als sei dies das normalste auf der Welt. Styropor landet auch schon einmal im Papiercontainer, konventionelle Plastiktüten schauen aus dem Biomüll heraus und im Restmüll verkanten sich soeben entsorgte Haushaltgeräte.

Wenn wir Verbraucher es nicht annehmen, umzudenken, nutzen die besten Gesetze und Innovationen kaum.

Auch Verzicht ist eine Option

Weniger Verpackung bedeutet weniger Müll – und mehr Nachhaltigkeit: Einfach mit dem Korb auf den Markt gehen und das Obst und Gemüse unverpackt hineinlegen, das funktioniert. Für Produkte wie Wurst und Fisch packt man ein spülbares und gut verschließbares Gefäß ein und reicht es beim Einkauf über den Tresen. Der Händler freut sich übrigens darüber, Verpackungskosten einzusparen – und schafft es zuweilen sogar elegant, seine Kunden bei der Reduzierung von Verpackung mitzunehmen:

Das Stuttgarter (Online-)Warenhaus Breuninger lobte jüngst einen Kunden mit diesen Worten : „Vielen Dank, dass Sie mit Ihrer Wahl für die Green Option unseren Ansatz für mehr Nachhaltigkeit unterstützen. Bei diesem Paket verzichten wir in größtmöglichem Maße auf Verpackungsmaterialien wie Seidenpapier und Luftpolsterfolie. Außerdem besteht die Kartonage zur Hälfte aus recyceltem Papier und wird nach Möglichkeit mehrmals auf den Weg geschickt.“ Da eine Retour nicht nötig war, oblag es dem Kunden selbst, dem Karton ein zweites Leben zu spendieren. Noch weiß ich nicht, wie er sich entschieden hat.

Mehr Wertschätzung für nachhaltig(er)e Verpackungen bitte!

Bio-Plastik stammt nicht vom fossilen Brennstoff Erdöl, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen. Klingt gut, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wie so oft beim Thema Nachhaltigkeit, lohnt es sich natürlich, ganz genau hinzuschauen. Ist Bio-Plastik okay und ein echtes Zukunftsprodukt? Oder eine Zwischenlösung? Gibt es überhaupt das eine, alle überzeugende Bio-Plastik? Und warum eigentlich lehnen Entsorgungsfirmen wie die Abfallwirtschaft München kompostierbares Bio-Plastik im Bio-Mülleimer ab?

Wohin denn dann mit kompostierbaren Plastikbeuteln?

Als kompostierbar darf Bio-Plastik bezeichnet werden, wenn es sich nach 12 Wochen zumindest zu 90 Prozent auflösen kann. In München nimmt man sich aber nicht die Zeit, auf das Verrotten von kompostierbarem Bio-Plastik zu warten. Der Weg vom Bio-Mülleimer über den Komposthaufen hin zum nächsten Leben als Blumenerde muss schnell genommen werden. Kompostierbare Plastikbeutel in der braunen Tonne sind explizit unerwünscht – seit Oktober 2020 wird der Bio-Müll sogar von „Qualitätskontrolleuren“ überwacht. Deren Botschaft an die mülltrennende Bevölkerung: Alles, was nur wie Plastik aussieht, ist im Bio-Mülleimer verboten. Das heißt: Ein Unterschied zwischen Erdöl-Plastik und Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen wird nicht mehr gemacht.

Jetzt denkt sich der ökologisch sensible Mensch „okay, wenn meine zu langsam verrottende Bio-Plastikverpackung in dieser Tonne nicht erwünscht ist, bringe ich sie eben in den Plastikcontainer“. Das aber ist genauso falsch. Sofern sich nämlich – als Alternative zum Export in andere Länder – ein lokales Unternehmen der lobenswerten Aufgabe annimmt, herkömmliche Plastikabfälle in Rezyklat zu verwandeln, muss es zur Kenntnis nehmen, dass die Qualität des Granulats durch den rasch fortschreitenden Verrottungsprozess von Bio-Plastik beeinträchtigt wird. Mit anderen Worten: In diesem Fall zersetzt sich Bio-Plastik nicht zu langsam, sondern zu schnell. „Sowieso ein falscher Ansatz“, denkt sich die kluge Ökologin dann. „Der biologische Kreislauf muss doch vom technischen Kreislauf getrennt sein. Hat denn noch nie jemand etwas von Cradle-2-Cradle gehört?“

Verbraucher werden im Stich gelassen

Wie nun lassen sich nachhaltig(er)e Verpackungen generell entsorgen? Bei Papiertüten und weiteren Produkten aus wiederverwendbaren Pflanzenfasern wie Zuckerrohr ist die Antwort schnell gefunden: ab zum Recycling in den Papiercontainer. Bei Mischprodukten mit Bio-Plastikanteilen wird es komplizierter – lernwillige Endverbraucher müssen wohl beim Herstellern selbst nachfragen, das Thema wird öffentlich so gut wie gar nicht kommuniziert. Für kompostierbares Bio-Plastik schließlich müsste der verantwortungsvolle Verbraucher, sofern er in München lebt, einen privaten Komposthaufen anlegen, um einen biologische Abbauprozess zuzulassen.

Engagement von Unternehmen verpufft

Verpackung ist ein Thema, das immer mehr Aufmerksamkeit erfährt. Zahlreiche Unternehmen zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie die Verpackung ihrer Produkte nachhaltiger gestalten können. Sie geben viel Geld dafür aus. Sie verändern ihre Prozesse, weil es außer um Nachhaltigkeit immer auch um Frische und Haltbarkeit und Ästhetik geht. Und was ist der Lohn dafür? Verbraucher, die missgelaunt zurückbleiben – und die ökologische Verpackung über den Restmüll in die Müllverbrennung geben.

Darüber müssen wir reden.
So jedenfalls sollte es nicht weitergehen …

PS: Dieser Beitrag ist nicht als Werbung für Bio-Plastik zu verstehen. Es gilt auch bei diesem Material von Fall zu Fall zu fragen, ob, und wenn ja, welche Chemikalien zugesetzt wurden, wie viel Energie für die Herstellung verbraucht wurde, ob wertvolle Anbauflächen nicht eher für Nahrungsmittel verwendet werden sollten, …

PPS: In meinem nächsten Blog-Artikel werde ich einige Unternehmen vorstellen, die Neuerungen bei ihrer Produktverpackung eingeführt haben.

Ihr Publikum wartet schon. Erzählen Sie!

Der große Auftritt in eigener Sache ist vielleicht eine schwierige Angelegenheit – vor allem für kleine, traditionelle Unternehmen ohne PR-Beratung und Redenschreiber. Möglicherweise sagen Sie sich auch „Ich weiß nicht, was die Leute wissen wollen und überhaupt: Eigenlob liegt mir nicht“? Obwohl Sie doch so viel Positives zu berichten wüssten – über konsequent ökologisch produzierte Produkte, über Projekte zur Kreislaufwirtschaft oder über die Senkung des innerbetrieblichen Ressourcen- und Energie-Verbrauchs …

Legen Sie Ihre Schüchternheit oder allzu vornehme Bescheidenheit ab. Es wäre doch wirklich schade, wenn die Welt nichts von Ihnen und Ihrem großen Engagement erfahren würde, nur weil Sie ihr nichts darüber mitteilen mögen oder glauben, es sei schon alles gesagt! Obwohl Sie tausend andere Dinge zu erledigen haben: Klettern Sie auf die Bühne und erklären Sie der Welt, warum und wie genau Ihr Unternehmen Nachhaltigkeit gestaltet.

Unsere Gesellschaft ist derzeit auf der Suche nach konkreten Ideen, die uns Wege in die Zukunft weisen. Die Regierung hat das verstanden und bringt sich mit einer Wasserstoffoffensive ins Gespräch. Europa verständigte sich auf einen „Green Deal“ und möchte als erster Kontinent klimaneutral werden. Nun kommt es auf die vielen kleinen Unternehmen an, die neue und nachhaltige Ideen haben, damit Leistungsträger sind – und eine viel größere Bekanntheit brauchen!

Steigen Sie also beherzt aufs imaginäre Podium! Packen Sie alle Ihre Trümpfe aus! Das Publikum ist neugierig und hellwach. Bessere Rahmenbedingungen wird es nicht geben! Sie müssen noch nicht einmal laut trommeln und auf den Putz hauen, sondern einfach davon berichten, wofür sie heute und zukünftig stehen. Ich kann Sie dabei unterstützen, den roten Faden und die Kernaussagen freizulegen, die Fragen potentieller Geschäftspartner und Kunden vorwegzunehmen und Ihre Story so aufzubereiten, dass sie das Publikum mitnimmt.

Veränderung liegt in der Luft. Vernetzen Sie sich!

Ein Beispiel, das zeigt, was möglich ist: Ich habe in diesem Blog bereits darüber berichtet, dass ich für Lothar Betz, einen in der Rhön ansässigen Zimmermeister, der die ökologische Dämmung mit Wellpappe erfunden hat, seine Nachhaltigkeitsstory entwickelt habe. Diese wurde für den engagierten Unternehmer zum ebenso einfachen wie wirksamen Instrument, um bundesweit mit Fachzeitschriften, Universitäten und jungen Gruppierungen wie den Architects for Future in Kontakt zu treten. Letztere sind aktuell eifrig auf der Suche nach alternativen Baustoffen – und zeigten sich am innovativen Konzept und den konkreten Lösungen des Zimmermeisters bald recht interessiert. Lothar Betz wurde eingeladen, seine Ideen vor fünfzig engagierten Zuhörern am 7. Juli 2020 im Rahmen einer Online-Konferenz vorzustellen. 

Alle kleinen und mittleren Unternehmen, die ein kluges und nachhaltiges Angebot haben, können einfache Kommunikationsmittel wie eine journalistisch aufbereitete Nachhaltigkeitsstory nutzen, um sich an ein hoch qualifiziertes und für die weitere Entwicklung relevantes Publikum zu wenden. Wenn nur ihre Idee, ihr Produkt, ihr Prozess oder ihr Engagement rund und stimmig ist, überzeugen sie durch eine authentischen Story, zu der die noch offenen Fragen genauso selbstverständlich gehören wie Zahlen und Daten – vom Patent über die Auszeichnung bis zum Kunden-Feedback. 

Welche Themen fesseln das Publikum?

Endverbraucher interessieren sich für Dinge wie baumfreies Papier, kompostierbare Verpackungen, erdölfreie Yogamatten, Hemden aus Bio-Hanf, Schuhe aus Eukalyptusfasern, Röcke aus Ananas und Flug-Treibstoff aus Abfallfetten. Unternehmer sind eher fasziniert von der Metallreinigung mit Wasser, dem Recycling alter Arzneimittel, Leder aus Kaktus, der Wassergewinnung aus Nebel, der Jeans-Herstellung mit Sauerstoffbleiche anstelle von Chemikalien, dem Einsparen von Transportkapazitäten durch Konzentrate oder Bioplastikversuche mit Fischabfällen und – kein Witz – Strom aus Urin, erzeugt von einer mikrobiellen Brennstoffzelle.

Ich habe den Traum, dass wir auf Partys, wenn es sie dann wieder geben wird, nicht nur über Leute reden, oder über das nächste Event, sondern auch über große Ideen für eine nachhaltige Zukunft. Wir könnten unser Denken in eine neue Richtung lenken, indem wir die Endlichkeit der Ressourcen zur Kenntnis nehmen und einen Kult der kreativen und nachhaltigen Innovation aufbauen. Nicht mehr höher, schneller, weiter, sondern klüger, achtsamer, nachhaltiger.

PS: Habe gerade bei Facebook via Greenpeace gelesen: „In Dresden haben Forscher mit Hilfe von Bierhefe eine Methode entwickelt, um Eisen und andere Schwermetalle aus belasteten Gewässern herauszufiltern. Erste Tests mit entsprechenden Filteranlagen sollen 2022 stattfinden. Ein weiterer Vorteil: Die Bierhefekulturen kommen von regionalen Bierbrauereien.“ Mehr davon bitte!

Was bringt mir eine eigene Nachhaltigkeitsstory?

Sichtbarkeit – da und dort, wo potentielle Kunden und Geschäftspartner sich aufhalten!

Der Zimmermeister Lothar Betz beispielsweise hat seine Nachhaltigkeitstory – über das ökologische Dämmen mit Wellpappe – an die Fachpresse im Holzbau weitergeleitet und schnell sehr viel positive Rückmeldung erhalten. Die eine Redaktion hat die Geschichte in Ausschnitten veröffentlicht, die nächste in eine kurze Meldung verwandelt, und eine weitere mochte dem Thema gleich eine ganze Seite einräumen – so die Zeitschrift BAUEN + HOLZ gerade aktuell.

Der DRW-Verlag hatte die als Word-Dokument übermittelte Nachhaltigkeitsstory von der Redaktion Holz-Zentralblatt an die hauseigenen Standards anpassen lassen und Lothar Betz um anschauliches Bildmaterial gebeten.

„Ihre Nachhaltigkeitsstory“ ist ein neues Text-Format, das sich stilistisch zwischen der wirtschaftlich informierenden Presseinformation und der erlebnisorientierten Reportage bewegt.

Das Ziel einer solchen Geschichte ist es, Leser für komplexe Themen zu begeistern und ihnen das nachhaltig handelnde Unternehmen und – wie in diesem Fall: seine ökologische Innovation bei der Wärmedämmung – ans Herz zu legen.

Meinen Originaltext für Lothar Betz können Sie gerne als Beispiel für eine individuelle Nachhaltigkeitsstory anfordern. Auf Wunsch versende ich auch meine „16 Tipps, die Nachhaltigkeitsstory zu verbreiten“. Einfach eine E-Mail senden oder anrufen!

Welchem Unternehmen kann ich trauen?

„So schlecht denken die Deutschen über Unternehmen“, titelte am 30. Dezember 2019 die Zeitschrift „Welt“. Im entsprechenden Artikel heißt es: „Fast 40 Prozent der Bevölkerung verbinden die Konzerne und Betriebe hierzulande in erster Linie mit negativen Eigenschaften.“ 40 Prozent: Diese Zahl stammt aus einer im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zum Thema „Vertrauen ins deutsche Unternehmertum“. 

Mir ist diese Nachricht ins Auge gefallen, weil mich selbst die Frage umtreibt, welche Unternehmen konsequent und nachvollziehbar zur Bewältigung des Klimawandels/ der Klimakrise wirksam beitragen und damit eine Vorbildrolle übernehmen. Eine Frage übrigens, die noch viel zu selten gestellt wird, obwohl sie so entscheidend für unsere Zukunft ist: Ohne das Engagement der Wirtschaft wird sich die Klimakrise nicht lösen lassen. Wir brauchen also immer mehr Unternehmen, die ihrer Verantwortung gerecht werden und auf die wir uns verlassen können.

Zwar hat auch der Endverbraucher mit seinem Konsumverhalten einen Einfluss darauf, wie stark die Herausforderungen durch Klimaveränderungen werden. Aber es sind doch eher die Unternehmen, die im großen Stil Rohstoffe auswählen und verarbeiten, Energieentscheidungen treffen, Wälder abholzen, Flächen verbrauchen, Transportwege beanspruchen und neue Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Auf ihr Verhalten kommt es maßgeblich an, wann immer Ressourcen geschont, Emissionen vermieden und Verschwendung gebremst werden muss. Wenn allerdings 40 Prozent der Deutschen nicht hinter „ihren“ Unternehmen stehen, verweist das auf ein Problem.

Der Beitrag in der „Welt“ liefert weitere Zahlen: Lediglich 25 Prozent der 1255 Befragten halten Unternehmen für verantwortungsbewusst und langfristig denkend. Immerhin 57 Prozent glauben, dass die Firmen um jeden Preis versuchen, ihre Gewinne zu steigern. Negative Schlagzeilen setzen sich in den Köpfen der Menschen fest und werden pauschal auf die gesamte Wirtschaft übertragen. Im Artikel heißt es dazu: „Betrug, Profitstreben, Managergehälter, Klimasünder – da ist für jeden etwas dabei.“ Der Rat der Demoskopen: Es muss „eine glaubhafte Auseinandersetzung mit den großen Themen der Zeit geben, aktuell zum Beispiel zur Nachhaltigkeit“. 

Man könnte dies auch so formulieren: Unternehmen, strengt euch mehr an – und kümmert euch redlich (auch) um das Klimathema. Die Menschen werden euch dann interessiert zuhören und langsam jenes Vertrauen aufbauen, das ihr wahrscheinlich heute sehr vermisst.

Auf der Suche nach Auswegen aus der Klimakrise

Über den Jahreswechsel habe ich mich mit drei aktuellen Büchern beschäftigt, die Strategien für eine klimaneutrale Zukunft thematisieren. Ich fasse hier den jeweiligen Inhalt kurz zusammen und verknüpfe ihn mit der Ausgangsfrage: Welchen Unternehmen kann ich trauen?


Jonathan Safran Foer schreibt pointiert und faktenreich, vor allem wirbt er eindringlich und sehr persönlich um unser Engagement als Normalverbraucher. Nur einmal am Tag tierische Produkte zu essen ist sein Hebel, wirksam zur Lösung der Klimakrise beizutragen. Eine Auswahl der Argumente: „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung“. „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91 Prozent der Rodungen im Amazonas“. „Nutzvieh ist die größte Methanquelle überhaupt“. „Nutzvieh ist der größte Verursacher des Stickstoffausstoßes“. Und: „Wir wissen genau, dass wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, solange wir die Nutztierhaltung nicht in den Griff bekommen.“ 

Die empfohlene, zunächst individuelle Herangehensweise ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. In einem bunten, demokratischen Land müssen Maßnahmen so ausgerichtet sein, dass jede und jeder das Angebot findet, mit dem er oder sie sich identifiziert. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden außer klassischen Gerichten auch vegane oder vegetarische Speisen anbieten, tragen zu einer zeitgemäßen, nachhaltigen Ernährung bei. Sie leisten damit auch einen wichtigen Beitrag, um Bindungen breit zu verstärken.


Luisa Neubauer und Alexander Repenning gehen das Thema Klimawandel politisch an. Als Aktive in der Fridays-for-Future-Bewegung möchten sie Leserinnen und Leser für den gemeinsamen Protest gewinnen, damit die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele doch noch einzuhalten sind. Eins ihrer Themen ist der Wandel von einer ressourcen- und emissionsintensiven Wirtschaft hin zu einer Netto-Null-Wirtschaft. Neubauer und Repenning verlangen Handeln JETZT. Damit die Dinge schneller vorankommen, wünschen sie sich von Menschen und Unternehmen mehr Mut, Dinge auszuprobieren. Gern würden sie von vielen „Geschichten des Gelingens“ berichten, die Beispiele „vom guten Umgang mit der Welt“ sichtbar machen. „Alternativen gibt es längst“, sagen sie. Und: „Die Liste der Game Changer ist lang“. 

Tut sich hier womöglich ein Vertrauensfenster auf? Prima! Warten wir also auf das beherzte Outing von Unternehmen, die verstanden haben, worauf es jetzt ankommt. Wo sind die Guten, die den Planeten aus der Krise führen? Liebe Unternehmer, wartet nicht darauf, entdeckt zu werden! Verbreitet eure kleinen und großen grünen Geschichten – und freut euch über aufgeschlossene Zuhörer.

Naomi Klein wirbt für einen weltumfassenden Green New Deal. Das Konzept ist von Franklin D. Roosevelts New Deal inspiriert, jenem US-amerikanischen Präsidenten, der „mit einem bunten Strauß politischer Maßnahmen und öffentlicher Investitionen auf das Elend und den Zusammenbruch während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre reagierte“. Der Green New Deal wäre ein Maßnahmenpaket mit starker Unterstützung des Staates, das einen Rahmen für Unternehmen vorgibt, in dem sie selbst, etwa die Infrastruktur betreffend, aktiv die ökologische Wende der Industriegesellschaft umsetzen.

Längst wird das Thema Green New Deal rund um den Globus diskutiert. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am 11. Dezember 2019 den Grünen Deal der europäischen Union vorgestellt – mit dem Ziel, Europa als ersten Kontinent bis 2050 klimaneutral nennen zu dürfen. Nun muss Europa Ausschau nach Unternehmen halten, die diesen Kraftakt aktiv tragen und ausgestalten. 

Noch ist der Green New Deal Green eher ein Thema der Eliten. Es fehlt die praxisbezogene Konkretion. Damit sich aber jeder im Land auf diese politisch gewollte und notwendige Veränderungen einstimmen kann, wäre etwa eine nach Branchen sortierte Übersicht dienlich: „1.000 Unternehmen, die dem Klimawandel in Deutschland aktiv begegnen. Was sie planen. Was sie bereits unternommen haben.“ Ein solches Kompendium könnte die gemeinsame Entschlossenheit engagierter Unternehmen aufzeigen. Es würde erklären, wie die Dinge zusammenhängen und einiges an Inspiration für weitere Unterstützer bieten. Wer über den eigenen Tellerrand hinausblickend informiert, baut dadurch auch Vertrauen auf.

Mehr Aufklärung! Mehr Zusammenhalt! Mehr Mut!

Bislang werden Bürgerinnen und Bürger in Sachen Klimakrise ziemlich allein gelassen. Das gesamtunternehmerische Engagement ist fragmentiert und zuweilen recht widersprüchlich. Ein innerer Zusammenhang der heterogenen Handlungen  ist schwer zu erkennen. Ich denke zum Beispiel an die Vielzahl grüner Zertifikate als Beleg für große Nachhaltigkeit: kaum verständlich, eher als Etikettenzauber wahrnehmbar. Ich denke auch an tollkühne Versprechungen wie die, dass unsere Mobilität mit diesem Flugtaxi und jenem E-Roller bald entspannter und umweltfreundlicher sein wird. Beim Thema Klimawandel geht es vor allem darum, die Perspektive des Einzelunternehmens zu überwinden und Vertrauen gesellschaftsweit zu erarbeiten. 

Im kleinen Buchladen meines Vertrauens findet sich keine Literatur dazu, wie Menschen – gemeinsam mit stark engagierten Unternehmen – die große Klima-Herausforderung lösen könnten. Stattdessen dominiert die pessimistische Kategorie „Der Kapitalismus hat alles zerstört“. Natürlich: Unsere derzeitige Wirtschaftsform treibt uns dazu, immer neue Waren auf den Markt zu werfen, und seien dies zu guter Letzt sogar wir Menschen selbst. Und ja: Unser Ressourcenverbrauch ist verschwenderisch, und das dingliche Wachstum längst an seine Grenzen gestoßen. Aber erlaubt uns der bestehende Handlungsdruck, je nach Sichtweise bis 2030 oder 2050 klimaneutral sein zu müssen, wirklich, jetzt  Depression und Agonie zu pflegen? Wir müssen die Dinge angehen. Schnell. Innerhalb des kapitalistischen Systems. Gemeinsam.

Selbst in privaten Gesprächen sind Abschweifungen vom Thema sehr beliebt. Oft nehmen sogar gut gebildete Menschen eine sehr distanzierte Haltung zum Klimawandel ein, ganz so als wenn sie, ihre Kinder und Kindeskinder nicht von der immer schneller auf uns zurasenden Krise betroffen sein würden. Mit erschreckendem Abstand zum Kern des Problems reproduzieren sie platteste Schlagzeilen und geben diese ungeprüft als qualifizierte Meinung aus: Greta ist nicht mehr zu ertragen, E-Autos sind wegen der Batterien gar nicht umweltfreundlich, Deutschland ist zu klein, um etwas bewirken zu können. Das ganze Troll-Blabla, das täglich bei Facebook und Co. tausendfach gebetsmühlenartig verbreitet wird – und mindestens genauso häufig widerlegt worden ist. Unternehmen könnten auch Verantwortung dafür übernehmen, diesem Wahnsinn mit Projekten und Fakten entgegenzutreten – auch wenn das bisher nicht üblich war– und man seine Mitbewerber nicht mag.

Um die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, müssen wir alle die Grenzen der Kommunikation überwinden und um jeden Menschen kämpfen auf einem Weg, den noch keiner kennt, der nicht immer komfortabel sein wird und dessen Ziel nicht einmal eine Verheißung ist. 

So viel Ernst muss sein.

Ökologischer dämmen!

Darauf muss man erst einmal kommen: Wellpappe dämmt. Und wie!

Vor ein paar Jahren sollte in unserem 10-Parteien-Wohnhaus der Keller gedämmt werden, nicht aus Energieaspekten heraus, sondern einfach, um ihn besser als Lager, zum Beispiel für Papier, benutzen zu können. Der Beschluss war schnell gefällt, und ehe wir uns versahen, wurde das Haus rundum mit einem Sockel aus Styropor (expandiertes Polystyrol) versehen. Als die Handwerker die Baustelle schlossen, war der umgebende Garten nicht nur plattgebaggert, sondern überall lagen die weißen Kügelchen herum, einfach notdürftig ins Erdreich eingegraben. Dumm nur, dass Polystyrol unter Lichtausschluss biologisch nicht abgebaut wird!

Für mich war diese Erfahrung ein Schock, hatte ich doch naiv angenommen, dass man in Sachen Wärmedämmung längst umweltfreundlich verfährt. Welch ein Irrtum! Ich goss die verunreinigte Erde tagelang, um immer wieder neue Kügelchen nach oben zu schwemmen, die schwimmenden Elemente abzuschöpfen und sie dann im Plastikmüll zu entsorgen.

Wie kann man sein Haus freiwillig mit einem Stoff einkleiden, der eigentlich Sondermüll und schwer zu entsorgen ist? Der im Brandfall katastrophal reagiert? Wikipedia erklärt: „Das Brandverhalten von expandiertem Polystyrol wird davon dominiert, dass es bei Temperaturen wenig über 100 °C erweicht und dann abtropft, wobei die Tropfen (auch aufgrund der geringen Masse und der damit zusammenhängenden schlechten Wärmeabfuhr) Feuer fangen können und dann brennend abtropfen.“ Zwar werden heute Flammenschutzmittel eingesetzt, aber fragen Sie mal jemanden von der Feuerwehr, ob er oder sie ein brennendes Styroporhaus löschen mag!

Ich zähle mich zu den Menschen, die einfach keine Lust mehr auf Gift und Plastik haben. Da wir im erwähnten Haus aktuell eine defekte Dachdämmung beobachten und ich zudem im Haus der Mutter über die Dämmung von Keller und Dach nachdenken muss, machte ich mich also auf die Suche nach ökologischen Alternativen und las mehr über Holzfasern, Kork, Hanf, Jute, Schilf, Gras, Flachs, Schafwolle, Kokos, Seegras, Schilfrohr und Stroh. Nicht alles überzeugt in jeder Hinsicht. Mal ist der Transportweg zu weit, mal ist die Dämmung zu schwach. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Nicht gerechnet hatte ich damit, dass man auch mit einem Recyclingprodukt dämmen kann: Wellpappe. Das Produkt heißt Fairwell, es wird von dem hessischen Zimmermeister und Unternehmer Lothar Betz seit 2007 hergestellt und hat inzwischen schon zahlreiche Kunden überzeugt. Die vielen kleinen Luftpolster der mit Mais- und Kartoffelstärke klug verklebten Verbundbauteile sorgen nicht nur für die Trennung der Luftschichten, sondern bieten zusätzlich hohen Lärm- und Trittschutz. Das Produkt besteht vollständig aus recycelter Zellulose – und kann beim Entsorgen erneut recycelt werden. Die Zellulose stammt ursprünglich von Bruch- und Durchforstungsholz. Entsprechend kann sie sogar – wie zuvor als Baum – mit Luftfeuchtigkeit unkompliziert umgehen.

Foto: Betz Dämmelemente

Ich habe Lothar Betz gefragt, ob der Gedanke, Wellpappe als Dämmstoff einzusetzen, schon verbreitet ist. Er erzählte mir von einigen Bachelor- und Masterarbeiten zum Thema und auch von Gesprächen mit Wissenschaftlern, die diese besonders nachhaltige Idee voranbringen wollen. Er selbst stelle immer wieder neue Vorteile der Wellpappe fest, zum Beispiel die statische Tragfähigkeit, mit der sich Gebäude aussteifen lassen.

Future? War 1971 ein großes Abenteuer!

Bei einer Speicherentrümpelung fielen mir vor wenigen Tagen einige alte, abgegriffene Schulhefte mit spektakulären Umschlägen in die Hand, die in den frühen Siebzigern als Dernier Cri gehandelt wurden und unsere Klassenzimmer eroberten. „Die Welt der Zukunft“: Zwei Jahre nach der ersten Mondlandung standen die meisten Menschen jeglicher Technikentwicklung ausgesprochen erwartungsvoll und vor allem positiv gegenüber. Man blickte nicht zurück, dafür gern nach vorn. Umweltschutz oder Ökologie waren mehr oder weniger unbekannt. Der Mensch dachte sich die Erde untertan.

Hochhaushopping per Rohrpost – immer direkt zum Ziel! Anders als beim autonomen Fahren muss hier keine KI bemüht werden, um Kollisionen zu vermeiden. Dreidimensional gedacht, aber massentauglicher als ein Flugtaxi! Und noch flotter als unsere E-Scooter!
Schnelle Röhrenzüge im Jahr 2000. Wie abenteuerlich muss es sein, in dunklen Pipelines zu reisen! Man braucht kein Glyphosat, um Gräser zwischen den Schienen wegzubrennen! Auch Lärmschutzbarrieren zur Außenwelt sind überflüssig. Für Kurz- und Mittelstrecken über Land sind Flugzeuge dank dieser Technik obsolet.
Die Unterwasserstadt: Was für eine faszinierende Idee, schon ab 1980 in der ewigen Nacht leben – und im Wasser ausgehen zu können: „Mit einem Kunststoffgemisch in der Lunge begibt sich der Taucher in eine Schleusenkugel. Er muss dazu wie die Fische Flüssigkeiten atmen.“ Experimente an Tieren hatten zuvor gezeigt, wie das gelingt.

Über das Ergrünen großer Wirtschaftsunternehmen

Irland ist ganzjährig grün. „Grün“ im ökologischen Sinne ist die Insel noch lange nicht.

„Entdecken Sie die grüne Insel“: Mit dieser Einladung macht derzeit Kerrygold, eine genossenschaftlich organisierte und in Dublin ansässige Gesellschaft für Molkereiprodukte, auf sich aufmerksam. Grün sells – hier gleich im Doppelpack: erstens Natur, zweitens artgerechte Tierhaltung. Kerrygold wirbt mit Milch von Kühen auf saftigem Weideland. Das ist tatsächlich ein starkes Argument. In Deutschland sieht man kaum noch Kühe draußen, obwohl das der beste Lebensraum für Rinder ist, die gut und gerne mal 10 Kilometer am Tag laufen können und sich am liebsten von frischem Gras ernähren.

Als Kundin der Demeter- bzw. Bio-Milchmarken Schrozberger und Berchtesgadener Land habe ich nicht vor, an dieser Stelle für irische Produkte zu werben. Vielmehr möchte ich nur den Blick dafür schärfen, dass und wie sich große Unternehmen zusehends mit grünen Themen zu Wort melden. An nur einem Tag fielen mir vier einschlägige Ansätze auf. Kerrygold übrigens präsentierte sich unaufgefordert, als ich online nach dem Wetter schaute.

Im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte ich zuvor eine Anzeige von REWE entdeckt, die durch ihre grüne Farbtönung gleich ins Auge fiel. Darin erklärt der forsch dreischauende Naturland-Fachberater Thomas Neumeier mit für Werbung doch recht vielen Worten, wie er als REWE-Partner REWE-Bio-Landwirte dabei unterstützt, strenge Naturland-Richtlinien umzusetzen. Mir erschließt sich zwar nicht, wie die an Bio interessierten, aber offenbar hilfsbedürftigen Landwirte von einem Mann profitieren können, der „mindestens einmal im Jahr“ auf den Höfen vorbeischaut, aber na ja, ist halt Werbung. Und so darf ich auch noch lesen, dass der Glaubwürdigkeitsbotschafter selbst auf dem Land groß geworden ist und den erdigen Geruch des Bioboden „karottig“ nennt. Herzallerliebst!

Man mag dieses Ergrünen für einen vergänglichen Ausdruck des Zeitgeistes halten oder für den Beginn eines echten Wandels. Die Grenzen dürften fließend sein. Auch wenn dem Thema Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen tatsächlich eine größere Rolle als zuvor eingeräumt wird, so wirkt der aktuelle Hype doch auch hilflos und überzogen. Hoffentlich trägt er nicht dazu bei, dass wir des Greenings bald überdrüssig sind und von Nachhaltigkeit nichts mehr hören mögen!

Heute erreichte mich auch der FAZ-Artikel „So soll Nestlé grüner werden“. Demnach will das Unternehmen die Nettoemissionen von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf null senken. In 31 Jahren also. Zeit genug, um groß zu denken, sollte man meinen. Die FAZ kennt Details: „Nestlé sieht sich in seiner grünen Mission auch dazu veranlasst, den Konsumenten ,ein bisschen anzuleiten‘, wie Stefan Palzer in Lausanne sagte. Dazu gehört, die Kunden zum Recycling von Nespresso-Kapseln aufzufordern und sie für neue Angebote zu erwärmen wie die Getränkeautomaten, die Nestlé gerade in den eigenen Niederlassungen testet. An diesen können Durstige ihre mitgebrachten Flaschen füllen lassen.“ Klein. Und defintiv nicht oho.

Last but not least erhielt ich eine E-Mail von Miles & More, in der mir vorgeschlagen wurde, meinen Alltag und meine Reisen nachhaltiger zu gestalten: durch „mindfulmiles“. Wie das funktioniert? Umweltbewusst übernachten in Steigenberger Hotels. Emissionsfreie Mietwagen bei UFODRIVE buchen. Und in Investmentfonds von Amundi – mit Nachhaltigkeitsfaktor – investieren. Warum ich das alles tun sollte? Um mehr Meilen gutgeschrieben zu bekommen. Business as usual.

Ich empfehle kleinen und mittleren Unternehmen, dem offensiven und plakativen Werben der Großen mit viel konkreten, persönlichen und ehrlichen Positionierungen zu begegnen – zum Beispiel über eine individuelle Nachhaltigkeitsstory.

Wie Babyprodukte uns spiegeln

Jüngst hatte ich Zeit, die Welt mit staunenden Augen zu betrachten, ganz so, als wäre ich selbst noch ein entdeckendes, lernendes Kind. Ich bummelte, um eine Wartezeit zu überbrücken, durch einen Drogeriemarkt und blieb dann, genau passend, an einem von mehreren Regalen für Kleinkindprodukte hängen. Sogleich stellte ich mir vor, eine junge Mutter zu sein, die nichts anderes will, als das Beste fürs Kind (woraufhin meine inneren Alarmglocken diesbezüglich gleich lauter als üblich klingelten, was ich dann aber erfolgreich zu ignorieren schaffte).

Als erstes entdeckte ich „LILLIDOO – WHAT BABIES REALLY CRY FOR – FEUCHTTÜCHER MIT 99 % WASSER“. „Wie geil ist das denn“, dachte ich mir, „so rein wie ein Bergsee, und nur ein Prozent Substanz.“ Gleich daneben die „sensitiven“ Produkte „BABY SHAMPOO“ und „GUTE NACHT BAD“. In diesem Fall war es die Beschriftung, die auf besondere Sparsamkeit des Herstellers verwies, da man einfach auf Bindestriche verzichtet hatte. Ob 100 % Buchstabenfülle wohl die kognitiven Fähigkeiten eines Kleinkinds besser aktivieren würden?

Von sensitiv zu intensiv: „CREMEBAD MIT OLIVENBLATTEXTRAKT“ und gleich daneben „magischer Wirbel-Waschschaum – duftet nach Himbeeren“. Die „SOS Creme“, die „Bäuchlein-Salbe“, ein Gel als Zahnungshilfe und Tinti in den Varianten: „Blubber Rakete“, „Zauber Bad“, „Bade Spinner“. Besonders faszinierend fand ich die feuchten „WASCHLAPPEN“ ganz ohne Alkohol. Die meisten Exemplare dieser Kategorie, die ich bislang persönlich erlebt habe, waren eher mit Alkohol unterwegs. Aber das ist ein anderes und ziemlich weites Feld.

Dann eine zauberhafte Überraschung: „LITTLE green KIDS“ zum Haare waschen. Das muss für nachhaltig eingestellte Elternteile gedacht sein, die das Ego ihrer kleinen Töchter und Söhne gern frühzeitig pampern lassen und sich auch selbst mit einiger Wertschätzung gesegnet fühlen, weil für ihresgleichen eine eigene Produktwelt bereitgestellt wurde. 25 Prozent in den Wahlprognosen, das passt.

Ob eines Tages Frauke Petry LITTLE blue KIDS für ihr sechstes, vielleicht auch siebtes und achtes Kind wird kaufen können? Es bleibt interessant. Ich werde ab jetzt häufiger in modernen Konsumtempeln bummeln gehen und mir die Welt hinter dem Marketing genauer anschauen.

Wie ist diese Empfehlung von regenwald.org mit der großen Vielfalt an Baby-Pflegemitteln individuell in Einklang zu bringen? Indem wir vor dem Konsumieren nachdenken, was wichtig ist: Man nehme Wasser – und einen echten Waschlappen. Lässt sich beides meistens auch unterwegs ganz gut regeln.

Brauchen Unternehmer tatsächlich immer mehr und immer genauer für neue Zielgruppen maßgeschneiderte Produkte, um Erfolg im Wettbewerb sicherzustellen? Oder sind die Grenzen des Wachstums nicht schon längst überschritten?