Welchem Unternehmen kann ich trauen?

„So schlecht denken die Deutschen über Unternehmen“, titelte am 30. Dezember 2019 die Zeitschrift „Welt“. Im entsprechenden Artikel heißt es: „Fast 40 Prozent der Bevölkerung verbinden die Konzerne und Betriebe hierzulande in erster Linie mit negativen Eigenschaften.“ 40 Prozent: Diese Zahl stammt aus einer im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zum Thema „Vertrauen ins deutsche Unternehmertum“. 

Mir ist diese Nachricht ins Auge gefallen, weil mich selbst die Frage umtreibt, welche Unternehmen konsequent und nachvollziehbar zur Bewältigung des Klimawandels/ der Klimakrise wirksam beitragen und damit eine Vorbildrolle übernehmen. Eine Frage übrigens, die noch viel zu selten gestellt wird, obwohl sie so entscheidend für unsere Zukunft ist: Ohne das Engagement der Wirtschaft wird sich die Klimakrise nicht lösen lassen. Wir brauchen also immer mehr Unternehmen, die ihrer Verantwortung gerecht werden und auf die wir uns verlassen können.

Zwar hat auch der Endverbraucher mit seinem Konsumverhalten einen Einfluss darauf, wie stark die Herausforderungen durch Klimaveränderungen werden. Aber es sind doch eher die Unternehmen, die im großen Stil Rohstoffe auswählen und verarbeiten, Energieentscheidungen treffen, Wälder abholzen, Flächen verbrauchen, Transportwege beanspruchen und neue Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Auf ihr Verhalten kommt es maßgeblich an, wann immer Ressourcen geschont, Emissionen vermieden und Verschwendung gebremst werden muss. Wenn allerdings 40 Prozent der Deutschen nicht hinter „ihren“ Unternehmen stehen, verweist das auf ein Problem.

Der Beitrag in der „Welt“ liefert weitere Zahlen: Lediglich 25 Prozent der 1255 Befragten halten Unternehmen für verantwortungsbewusst und langfristig denkend. Immerhin 57 Prozent glauben, dass die Firmen um jeden Preis versuchen, ihre Gewinne zu steigern. Negative Schlagzeilen setzen sich in den Köpfen der Menschen fest und werden pauschal auf die gesamte Wirtschaft übertragen. Im Artikel heißt es dazu: „Betrug, Profitstreben, Managergehälter, Klimasünder – da ist für jeden etwas dabei.“ Der Rat der Demoskopen: Es muss „eine glaubhafte Auseinandersetzung mit den großen Themen der Zeit geben, aktuell zum Beispiel zur Nachhaltigkeit“. 

Man könnte dies auch so formulieren: Unternehmen, strengt euch mehr an – und kümmert euch redlich (auch) um das Klimathema. Die Menschen werden euch dann interessiert zuhören und langsam jenes Vertrauen aufbauen, das ihr wahrscheinlich heute sehr vermisst.

Auf der Suche nach Auswegen aus der Klimakrise

Über den Jahreswechsel habe ich mich mit drei aktuellen Büchern beschäftigt, die Strategien für eine klimaneutrale Zukunft thematisieren. Ich fasse hier den jeweiligen Inhalt kurz zusammen und verknüpfe ihn mit der Ausgangsfrage: Welchen Unternehmen kann ich trauen?


Jonathan Safran Foer schreibt pointiert und faktenreich, vor allem wirbt er eindringlich und sehr persönlich um unser Engagement als Normalverbraucher. Nur einmal am Tag tierische Produkte zu essen ist sein Hebel, wirksam zur Lösung der Klimakrise beizutragen. Eine Auswahl der Argumente: „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung“. „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91 Prozent der Rodungen im Amazonas“. „Nutzvieh ist die größte Methanquelle überhaupt“. „Nutzvieh ist der größte Verursacher des Stickstoffausstoßes“. Und: „Wir wissen genau, dass wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, solange wir die Nutztierhaltung nicht in den Griff bekommen.“ 

Die empfohlene, zunächst individuelle Herangehensweise ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. In einem bunten, demokratischen Land müssen Maßnahmen so ausgerichtet sein, dass jede und jeder das Angebot findet, mit dem er oder sie sich identifiziert. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden außer klassischen Gerichten auch vegane oder vegetarische Speisen anbieten, tragen zu einer zeitgemäßen, nachhaltigen Ernährung bei. Sie leisten damit auch einen wichtigen Beitrag, um Bindungen breit zu verstärken.


Luisa Neubauer und Alexander Repenning gehen das Thema Klimawandel politisch an. Als Aktive in der Fridays-for-Future-Bewegung möchten sie Leserinnen und Leser für den gemeinsamen Protest gewinnen, damit die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele doch noch einzuhalten sind. Eins ihrer Themen ist der Wandel von einer ressourcen- und emissionsintensiven Wirtschaft hin zu einer Netto-Null-Wirtschaft. Neubauer und Repenning verlangen Handeln JETZT. Damit die Dinge schneller vorankommen, wünschen sie sich von Menschen und Unternehmen mehr Mut, Dinge auszuprobieren. Gern würden sie von vielen „Geschichten des Gelingens“ berichten, die Beispiele „vom guten Umgang mit der Welt“ sichtbar machen. „Alternativen gibt es längst“, sagen sie. Und: „Die Liste der Game Changer ist lang“. 

Tut sich hier womöglich ein Vertrauensfenster auf? Prima! Warten wir also auf das beherzte Outing von Unternehmen, die verstanden haben, worauf es jetzt ankommt. Wo sind die Guten, die den Planeten aus der Krise führen? Liebe Unternehmer, wartet nicht darauf, entdeckt zu werden! Verbreitet eure kleinen und großen grünen Geschichten – und freut euch über aufgeschlossene Zuhörer.

Naomi Klein wirbt für einen weltumfassenden Green New Deal. Das Konzept ist von Franklin D. Roosevelts New Deal inspiriert, jenem US-amerikanischen Präsidenten, der „mit einem bunten Strauß politischer Maßnahmen und öffentlicher Investitionen auf das Elend und den Zusammenbruch während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre reagierte“. Der Green New Deal wäre ein Maßnahmenpaket mit starker Unterstützung des Staates, das einen Rahmen für Unternehmen vorgibt, in dem sie selbst, etwa die Infrastruktur betreffend, aktiv die ökologische Wende der Industriegesellschaft umsetzen.

Längst wird das Thema Green New Deal rund um den Globus diskutiert. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am 11. Dezember 2019 den Grünen Deal der europäischen Union vorgestellt – mit dem Ziel, Europa als ersten Kontinent bis 2050 klimaneutral nennen zu dürfen. Nun muss Europa Ausschau nach Unternehmen halten, die diesen Kraftakt aktiv tragen und ausgestalten. 

Noch ist der Green New Deal Green eher ein Thema der Eliten. Es fehlt die praxisbezogene Konkretion. Damit sich aber jeder im Land auf diese politisch gewollte und notwendige Veränderungen einstimmen kann, wäre etwa eine nach Branchen sortierte Übersicht dienlich: „1.000 Unternehmen, die dem Klimawandel in Deutschland aktiv begegnen. Was sie planen. Was sie bereits unternommen haben.“ Ein solches Kompendium könnte die gemeinsame Entschlossenheit engagierter Unternehmen aufzeigen. Es würde erklären, wie die Dinge zusammenhängen und einiges an Inspiration für weitere Unterstützer bieten. Wer über den eigenen Tellerrand hinausblickend informiert, baut dadurch auch Vertrauen auf.

Mehr Aufklärung! Mehr Zusammenhalt! Mehr Mut!

Bislang werden Bürgerinnen und Bürger in Sachen Klimakrise ziemlich allein gelassen. Das gesamtunternehmerische Engagement ist fragmentiert und zuweilen recht widersprüchlich. Ein innerer Zusammenhang der heterogenen Handlungen  ist schwer zu erkennen. Ich denke zum Beispiel an die Vielzahl grüner Zertifikate als Beleg für große Nachhaltigkeit: kaum verständlich, eher als Etikettenzauber wahrnehmbar. Ich denke auch an tollkühne Versprechungen wie die, dass unsere Mobilität mit diesem Flugtaxi und jenem E-Roller bald entspannter und umweltfreundlicher sein wird. Beim Thema Klimawandel geht es vor allem darum, die Perspektive des Einzelunternehmens zu überwinden und Vertrauen gesellschaftsweit zu erarbeiten. 

Im kleinen Buchladen meines Vertrauens findet sich keine Literatur dazu, wie Menschen – gemeinsam mit stark engagierten Unternehmen – die große Klima-Herausforderung lösen könnten. Stattdessen dominiert die pessimistische Kategorie „Der Kapitalismus hat alles zerstört“. Natürlich: Unsere derzeitige Wirtschaftsform treibt uns dazu, immer neue Waren auf den Markt zu werfen, und seien dies zu guter Letzt sogar wir Menschen selbst. Und ja: Unser Ressourcenverbrauch ist verschwenderisch, und das dingliche Wachstum längst an seine Grenzen gestoßen. Aber erlaubt uns der bestehende Handlungsdruck, je nach Sichtweise bis 2030 oder 2050 klimaneutral sein zu müssen, wirklich, jetzt  Depression und Agonie zu pflegen? Wir müssen die Dinge angehen. Schnell. Innerhalb des kapitalistischen Systems. Gemeinsam.

Selbst in privaten Gesprächen sind Abschweifungen vom Thema sehr beliebt. Oft nehmen sogar gut gebildete Menschen eine sehr distanzierte Haltung zum Klimawandel ein, ganz so als wenn sie, ihre Kinder und Kindeskinder nicht von der immer schneller auf uns zurasenden Krise betroffen sein würden. Mit erschreckendem Abstand zum Kern des Problems reproduzieren sie platteste Schlagzeilen und geben diese ungeprüft als qualifizierte Meinung aus: Greta ist nicht mehr zu ertragen, E-Autos sind wegen der Batterien gar nicht umweltfreundlich, Deutschland ist zu klein, um etwas bewirken zu können. Das ganze Troll-Blabla, das täglich bei Facebook und Co. tausendfach gebetsmühlenartig verbreitet wird – und mindestens genauso häufig widerlegt worden ist. Unternehmen könnten auch Verantwortung dafür übernehmen, diesem Wahnsinn mit Projekten und Fakten entgegenzutreten – auch wenn das bisher nicht üblich war– und man seine Mitbewerber nicht mag.

Um die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, müssen wir alle die Grenzen der Kommunikation überwinden und um jeden Menschen kämpfen auf einem Weg, den noch keiner kennt, der nicht immer komfortabel sein wird und dessen Ziel nicht einmal eine Verheißung ist. 

So viel Ernst muss sein.

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